Söder drängt auf eine Stunde mehr Arbeit für Rente: Expertinnen zweifeln – „nur die halbe Wahrheit“

Deutschland steht vor einem der größten demografischen Herausforderungen: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den Ruhestand, während immer weniger junge Menschen nachkommen. Damit gerät das gesetzliche Rentensystem zunehmend unter Druck. Vor diesem Hintergrund hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder eine provokante Forderung in die politische Debatte eingebracht: Eine Stunde mehr Arbeit pro Woche für alle Erwerbstätigen, um die Rentenkassen zu stabilisieren.

Mehr Arbeitszeit als Beitrag zur Rentenfinanzierung

Söder argumentiert, dass längeres Arbeiten zu höheren Beitragseinnahmen in der Rentenversicherung führen würde. Er verweist darauf, dass die Deutschen im Schnitt rund 40,2 Stunden pro Woche arbeiten, während zum Beispiel in der Schweiz eine 42-Stunden-Woche üblich ist. „Eine Stunde mehr würde uns allen helfen“, sagt er – und sieht im Vergleich zu anderen Ländern ein mögliches Modell für Deutschland.

Tatsächlich zeigen Berechnungen von Ökonominnen und Ökonomen, dass zusätzliche Arbeitsstunden die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden pro Jahr erhöhen und damit auch das Wirtschaftswachstum stärken könnten. So kommt man bei einer Stunde Mehrarbeit pro Woche auf rund 41 zusätzliche Stunden im Jahr, die einen messbaren Effekt auf Produktivität und Einnahmen haben könnten.

Kritik: „Nur die halbe Wahrheit“

Doch nicht alle Expertinnen und Verbände sind von diesem Vorschlag überzeugt. Vertreterinnen des Sozialverbands VdK sowie andere Fachleute betonen: Söder sage „nur die halbe Wahrheit“, weil die Frage der Stabilisierung der Rentenkassen tiefer geht als eine pauschale Arbeitszeitverlängerung. Zudem sei bereits viel erreicht worden bei der Integration Älterer und Frauen in den Arbeitsmarkt – der Vorschlag allein gehe an den strukturellen Problemen vorbei.

Ein weiterer Kritikpunkt: Längere Arbeitszeit ist nicht für alle Beschäftigten gleich realisierbar. Viele Menschen arbeiten bereits in Teilzeit, oft unfreiwillig, etwa weil sie Angehörige betreuen oder wegen fehlender Betreuungsplätze für Kinder. Ohne bessere Rahmenbedingungen – wie flexible Arbeitszeiten, mehr Betreuungsangebote und Qualifizierungsmaßnahmen – bliebe eine ständige Mehrarbeit für viele unerreichbar.

Was bringt eine Stunde mehr Arbeit wirklich?

Auch wenn eine zusätzliche Stunde pro Woche theoretisch mehr Einnahmen für die Rentenversicherung bedeuten würde, hängt der Effekt stark davon ab, ob Löhne angemessen steigen und wie produktiv die zusätzlichen Stunden genutzt werden. Zudem profitieren Beschäftigte, die länger arbeiten, zwar später im Ruhestand tendenziell von höheren Rentenpunkten, doch dieser Vorteil setzt voraus, dass Lohnzuwächse und tatsächliche Arbeitszeitchancen im Einklang stehen.

Fazit

Der Vorschlag von Markus Söder hat eine wichtige Debatte über die Zukunft der Rentenfinanzierung angestoßen. Mehr Arbeitszeit kann – unter bestimmten Bedingungen – einen positiven Beitrag leisten, doch für eine nachhaltige Reform des Rentensystems reicht dies allein nicht aus. Experten betonen, dass es breitere strukturelle Maßnahmen braucht, um sowohl die Rentenkassen zu stärken als auch faire Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten zu schaffen.

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